Ihr lieben treuen Blogleser, ich bin seit ein paar Stunden zurück in Johannesburg, wo es schön warm geworden ist. Hinter mir liegen wundervolle, schockierende, inspirierende Tage…
Bin am Mittwochmorgen mit der Schwester und der Tante meiner Gastmutter, die uns im 30-Minuten-Takt Süßigkeiten angeboten hat („Anyone go for a cookie?“), von Johannesburg über die N3 nach Howick gefahren. Die Fahrt hat ungefähr sechs Stunden gedauert, die jedoch wie im Flug vergingen, weil sowohl die Autoinsassen als auch die Landschaft sehr unterhaltsam waren. Wir haben eine majestätische Bergkette passiert
und „the world’s smallest church“ besucht – die einzige Kirche bei der ich mir sicher bin, dass ihre Bänke Sonntagsmorgens bis auf den letzten Platz belegt sind.
Howick liegt in der Provinz KwaZulu-Natal und hat über 84,000 Einwohner, von denen 90% Rentner sind. Die Zulu sind die wichtigsten touristischen Magneten der Provinz, wobei es wahrscheinlicher ist, einem mit Jeans bekleideten Zulu in Johannesburg zu begegnen, als einem in traditioneller Kluft in KwaZulu-Natal. Es gibt eine Straße in Howick von der man, dreht man sich zu einer Seite, einen Blick auf luxuriöse Seniorenresidenzen und, dreht man sich zur anderen Seite, auf sogenannte „Squatterhomes“ hat, wo viele Zulu in winzig kleinen Lehm- und Blechhütten leben. Ein immer wiederkehrendes, schmerzhaftes Mißverhältnis.
Am Donnerstagmorgen hatte ich die Gelegenheit mir die Zustände in so einer Siedlung genauer anzusehen. Die Howick Community Church, in der ich am Wochenende meine Workshops gehalten habe, hat nämlich vor ungefähr 10 Jahren angefangen die nahegelegene Siedlung Mpophomeni zu unterstützen. Ihr Programm nannten sie „Ethembeni“ , was so viel heißt wie “Orte der Hoffnung”, die Mpophomeni bitter nötig hat: 43000 Menschen leben hier auf engstem Raum, 80% von ihnen sind arbeitslos und über 30% HIV infiziert.
Ethembeni unterhält vier spezifische Hilfsaktionen, unter anderem ein Pflegeheim für Aidskranke und ein Familienbetreuungsdienst. Die Leute von Ethembeni besuchen zwischen 45 und 50 Familien im Monat, insgesamt 200 Erwachsene und Kinder. Sie kümmern sich nicht nur um Kranke, sondern statten sie auch mit Nahrungsmitteln aus und helfen ihnen bei der Jobvermittlung. Natürlich spielt auch die psychologische Unterstützung eine sehr große Rolle in ihrem Dienst. In einem von Arbeitslosigkeit und einer so hohen Sterberate geprägten Ort wie diesen ist Hoffnung die wertvollste Spende. Bevor die Damen von Ethembeni sich zu ihren Patienten aufmachen versammeln sie sich vor dem Hospiz um eine kleine Andacht zu halten, so auch Donnerstagmorgen. Ich war so überwältigt von dem hoffnungsvollen Gesang der Zulu, der vom Hospiz, in dem ich ein paar Minuten vor der Andacht noch eine sterbenskranke Frau besucht habe, über die Dächer Mpophomenis klang.
Nach einer kurzen Andacht ging es auf ins Dorf. Wir haben insgesamt 4 Patienten besucht. Bei dem ersten handelte es sich um einen kleinen Jungen, Mpho*, der irgendwann plötzlich vor dem Haus eines Mannes stand. Keiner weiß wem er gehört oder woher er kommt. Die Aufgabe der Sozialarbeiter ist es nun genau das herauszufinden. Dafür brauchen sie alle möglichen Informationen. Um diese jedoch ist es spärlich gesät. Der Mann, dem Mpho „zugelaufen“ ist, weiß nicht mal wann er geboren wurde. Er konnte 3 sein, oder 4. Vielleicht 5. Während unseres gesamten Besuches habe ich gefroren. Ich weiß nicht ob es die Wände der Lehmhütte waren oder die Geschichte eines elternlosen Jungen, der nie Geburtstag feiern kann, die die Kälte ausstrahlten. Immerhin will der Mann Mpho unbedingt behalten. Dafür erfindet er sogar Geschichten für die er ins Gefängnis kommen kann, zum Beispiel, dass er sein Vater sei. Die Sozialarbeiterin hört sich alles an, stellt Fragen, die ich nicht verstehe, weil sie Zulu spricht. Zuletzt liest sie mit ihm in der Bibel. Bei unserer Verabschiedung setzt sich Mpho zu mir auf den Beifahrersitz und ich würde ihn gern mitnehmen.
Der nächste Patient ist ein HIV Infizierter, der uns stolz seine eigens gebaute Lehmhütte präsentiert und das Radio, das er gerade repariert, um es dann wieder zu verkaufen. Die Sozialarbeiterin unterhält sich mit ihm und liest mit ihm Offenbarung 3,11. „Halte fest, was du hast! Lass dich von niemand um deinen Siegeskranz bringen! Den, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, werde ich zu einem Pfeiler im Tempel meines Gottes machen, und er wird seinen Platz für immer behalten. Und auf seine Stirn werde ich den Namen meines Gottes schreiben…“. Hoffnung in Mpophomeni.
Von den restlichen Patienten werde ich euch hier auf meinem Blog nicht erzählen, das würde wohl meinen zeitlichen Rahmen sprengen. Aber wie ihr sicherlich schon gemerkt habt, war mein Besuch in dieser Siedlung ein sehr prägendes, schockierendes Erlebnis. Eine Stunde später fand ich mich mit Jeff, Heather und dem Pastorenehepaar Brenda und Murray in einem Restaurant mit funktionierenden Sanitäranlagen und einer opulenten Menükarte wieder. Ich habe mich fast ein bisschen geschämt. Murray sagt, dass 80% der Weltbevölkerung so wie die Menschen in Mpophomeni leben und dass wir, wenn wir zwischen zwei Kleidungsstücken wählen können, bereits zu den 5% der wirklich reichen Bevölkerung gehören. Wir sind privilegiert.
Es ist nicht nur ein Privileg Kleider, ein warmes Bett und fließend Wasser zu haben, sondern auch die Bibel in seiner eigenen Sprache, eine Kirche und Menschen, die einem die Bibel erklären. Darum ging es in meinen Workshop „mishNcounter“, der Freitag und Samstag mit der Howick Community Church Jnr. Youth stattfand.
Ich hatte so viel Spaß mit den Kindern! Ihre Aufmerksamkeitsspanne war größer als ich erwartet hatte und so hatte ich viel Zeit Ihnen zu erklären, was die Leute von Wycliff machen und warum das so wichtig ist. Besonders beeindruckend fand ich dieses Bild eines kleinen Mädchens, das sie auf ihren „Thank you&pray for others-cube“ gemalt hat.
Zwischen den Workshops war ich in einem wunderhübschen Haus bei einer tollen Familie untergebracht, die mich sehr warm aufgenommen haben – sprichwörtlich: Sie haben mich mit einer Heizung und einer Wärmedecke ausgestattet, so dass ich Mittwochnacht, nach einer Woche, endlich wieder ohne Socken schlafen konnte! Außerdem konnte ich seit über einer Woche mal wieder Deutsch sprechen, weil mein Gastvater deutscher Herkunft ist. Muss allerdings zugeben, dass mir das fast schon ein bisschen schwer gefallen ist, die richtigen Wörter zu finden. Ihr Haus steckt voller kleiner Schönigkeiten – lebende, wie dieser kleine Gecko der mit mir geduscht hat
(„T.I.A. – This is Africa“ pflegt mein Howicker Gastvater zu sagen) und nichtlebende, wie die Aquarelle ihrer Tochter Heidi, ein hübsches, blondes, quietschfideles Mädchen mit einem supersüßen Lachen. Ich hab sie und ihre Eltern sehr lieb gewonnen. Leider habe ich sie nur selten gesehen, aber wann immer es ging, haben sie mich in ihr Auto gesetzt und mir wunderschöne Orte gezeigt, wie zum Beispiel den Lake Midmar in der Samstagabendsonne
und das Umgeni Valley Nature Reserve, ein Naturreservat. Es beherbergt nicht nur wunderschöne Pflanzen und Tiere sondern auch die Toilette mit der schönsten Aussicht der Welt.
Südafrikanische Gastfreundschaftlichkeit ist eine Sache, die ich mitnehmen will nach Deutschland. Eine andere ist das geschärfte Bewusstsein über die Privilegien, die wir in unseren westlichen Gefilden genießen, aber eben auch teilen können.
*der Name wurde von der Redaktion geändert ;)













